Mittwoch, 2. Mai 2012

Warum die Piraten niemals "ein Programm haben werden".

Derzeit hört man in den Medien das allgemeine Geschrei von „die Piraten haben kein Programm“. Von den Piraten kommt ein „Tippe ‚Piraten‘ und ‚Programm‘ in Google, drücke ‚Enter‘, dann findest du es“.

Einer von beiden lügt also? Nein. Beide meinen mit „Programm“ etwas unterschiedliches. Das gedruckte Wahl- oder Grundsatzprogramm der Piraten unterscheidet sich nicht wirklich elementar von dem anderer Parteien. Hier wie da werden Werte betont, welche man für wichtig hält und ein paar Beispiele benannt, wie man diese fördern will.

Doch diese Art von Programm ist es aber gar nicht, von der die Medien reden! Was auf dem Papier steht, können diese auch nachlesen und ist überhaupt nicht gefragt. Was man vielmehr wissen will, sind die Positionen, die *nicht* in dem Wahlprogramm niedergeschrieben sind.

Wenn ein Vertreter einer klassischen Partei zu irgendwas einen Standpunkt darlegen soll, nimmt dieser einfach die letzten Ausarbeitungen der entsprechenden Arbeitsgruppe und hat seinen Standpunkt.

Ein ganz typisches Beispiel ist das Tempolimit auf Autobahnen. Da gab es nun irgendwann im März glaube ich eine solche Forderung eines Grünen aus NRW. Großes Geschrei aus der Partei gab es deswegen nicht, hatte man früher auch schonmal gehört – also eindeutig Parteimeinung, nicht? Nun: Das Wahlprogramm für NRW war zu dieser Zeit noch gar nicht beschlossen; es gab also gar keine aktuelle Parteimeinung, auf die man sich hätte berufen können. In dem Programm in der jetzt beschlossenen Fassung steht übrigens _kein_ Tempolimit.

Bei den Piraten heißt es in der gleichen Sache „haben wir keinen Standpunkt zu“ (auch heute noch). Doch stimmt das überhaupt? Nun, der Antrag _gegen_ das Tempolimit wurde in NRW nur als Positionspapier angenommen; in der AG Bau und Verkehr ist ein weit verbreiteter Tenor "bringt nichts; geht eventuell sogar nach hinten los". In LQFB gibt es dazu einen angenommenen Antrag „Intelligente Verkehrsbeeinflussung durch Wechselverkehrszeichen flächendeckend einführen“. Bei einer anderen Partei würde ein Vertreter das in den Medien mit „Nein, wir sind dafür weniger radikale Regelungen zu, wie etwa Wechselverkehrszeichen zu verwenden.“ darstellen – sogar mit jeder Menge Argumenten. Macht man eben dies aber als Pirat, ist der Shitstorm sicher, denn das ist ja eben nicht in dem ‚Programm.PDF‘ zu lesen. Eben darum wird auch ein „Wie soll das BGE aussehen?“ mit „Das ist noch nicht beschlossen“ statt mit einem aktuellen Zwischenstand (den man ja durchaus als solchen bezeichnen kann!) beantwortet.

Und weil es eben nicht zu jedem Detail eine exakt ausgearbeitete und von einem Parteitag beschlossene Position geben kann, werden die Piraten eben in dieser Medien-Definition niemals „ein Programm haben“…

Montag, 23. April 2012

The land of the free?

Warum ich mich in Deutschland freier fühle als in den USA
  • Weil der Rechtsstaat in Deutschland jedem eine zweite Chance gibt.
  • Weil hier weniger Morde passieren als in einer einzelnen US-Großstadt.
  • Weil bei uns der Rechtsstaat auch für mutmaßliche Terroristen gilt.
  • Weil hier sogar verurteilte Kriminelle Rechte haben.
  • Weil Strafen bei uns verhältnismäßig sein müssen.
  • Weil „Solidarität“ bei uns kein Schimpfwort ist.
  • Weil wir keine militärisch gesicherten Grenzen (mehr) haben.
  • Weil wir unsere Freiheit nicht auf fremden Ölfeldern verteidigen.
  • Weil unser Staat keine „Rassen“ kennt.
  • Weil man hier die Wahl zwischen über 20 und nicht nur zwischen 2 Parteien hat.
  • Weil bei uns Ideologien bekämpft werden, die gegen Gleichheit sind; nicht solche, die dafür sind.
  • Weil man hier nicht Nacktheit mit Sexualität gleichsetzt.
  • Weil ich lieber Cabrio als Crew-Cab fahre.
  • Weil man hier selbst entscheiden kann, wie schnell man über eine leere Autobahn fährt.
…diese Liste lässt sich vermutlich endlos mit Details füttern. Gerne möchte ich diese Liste zukünftig noch mit einigen weiteren Punkten erweitern, wie etwa:
  • Weil wir keine Kriege in der Welt führen.
  • Weil unsere Energieversorgung nicht vom Öl- oder Kohlepreis abhängt.
  • Weil Religion bei uns Privatsache ist.
  • Weil hier jeder jeden heiraten darf.
  • Weil bei uns nicht Lobbyisten Gesetze machen.
  • Weil unser Staat nicht nur bis zur nächsten Wahl denkt.
  • Weil eine Sucht eine Krankheit und kein Verbrechen ist.
  • Weil unser Staat nicht seine Bürgern bespitzelt.
Und genau um dies und einiges mehr zu erreichen, bin ich Pirat. Für eine Freiheit, die nicht auf Kosten anderer geht.

Freitag, 20. April 2012

Piraten und Nazis

Das Thema Nazis in der Piratenpartei geht derzeit an jeder nur erdenklichen Stelle durch die Medien – wobei es inzwischen gar nicht mehr um die Nazis selbst geht, sondern vor allem um Leute, die sagen "sowas ist eine Scheißmeinung, aber immer noch eine Meinung".

Diesen Leuten sage ich ganz deutlich: Es ist scheißegal, ob das nun eine Meinung ist oder nicht – auf jeden Fall aber ist es 180° gegen den Geist dieser Partei und aus diesem Grund hat es in der Partei nichts zu suchen. Bei weitaus harmloserem wie Befürwortern der Vorratsdatenspeicherung würde man ja auch sagen "Sieh zu, dass du Land gewinnst; hier bist du in der falschen Partei". Warum zur Hölle soll das ausgerechnet bei Leuten anders sein, die den Holocaust leugnen, an die Überlegenheit irgendeiner "Germanischen Rasse" glauben, irgendwelche Religionsgemeinschaften automatisch für Kriminelle halten oder ähnlichen Schwachsinn von sich geben? Darum sag ich hier nochmal jedem, der mit solchem Mist auftaucht: „Pack diese Scheiße zu den Akten und zeige durch TATEN, dass das ein Fehler war. HIER ist jedenfalls der falsche Ort dafür.“ Ich werde sicherlich niemanden ausgrenzen, der sagt „Ich hab da Scheiße gebaut, und will das jetzt wieder gerade biegen“ – im Gegenteil!

Und an den Herrn Thiesen (und Gesinnungsgenossen): Das du nicht längst von _alleine_ ausgetreten bist, um eben diesen Schaden zu verhindern, zeigt, dass es dir definitiv nicht um die Ziele der Partei geht, sondern bestenfalls darum, dir selbst irgendetwas beweisen zu müssen – offenbar zur Not auch, dass du eine Partei zerstören kannst. Und jetzt erzähl nicht irgendeine gequirlte Scheiße von wegen "war ja davor" und "ich hab das nicht so gemeint" – das glaubt dir offensichtlich niemand.

Was Marinas "Mir reichts jetzt." angeht: Nun, in weiten Teilen muss ich ihr zustimmen. Allerdings finde ich das "wofür sie nichts können" persönlich schon zu eingrenzend. Denn ich lehne niemals Menschen ab; nur Verhalten.

Und weil es wichtig ist: Ich distanziere mich hiermit nochmal mit aller Schärfe von:
- Rassismus
- Nationalsozialismus
- Geschichtsrevisionismus
- Antisemitismus
- Islamophobie
- Homophobie
- Sexismus
- und jedem weiteren Weltbild, das Menschengruppen ausgrenzt oder verachtet.

Montag, 2. April 2012

Die gar nicht so bösen Schattenkraftwerke

Wenn es um den Ausbau erneuerbarer Energien geht, wird gerne der Begriff „Schattenkraftwerk“ als Schreckgespenst an die Wand gemalt und behauptet, diese würden die CO2-Bilanz sogar noch verschlechtern. Das ganze ist – wie so vieles in diesem Bereich – völliger Unsinn und ein reales Problem gleichzeitig.

Ein Schattenkraftwerk oder auch „warme Reserve“ ist ein Kraftwerk, welches für den Fall, dass ein anderes Kraftwerk sehr kurzfristig ausfällt, ständig am Netz hängt. Dieses Kraftwerk produziert dabei jedoch durchaus Strom, allerdings mit einem um 5-10% schlechteren Wirkungsgrad – unterm Strich ist das immer noch wesentlich weniger als bei vollem Betrieb.

Nehmen wir ein exemplarisches modernes Steinkohle-Kraftwerk: 650g CO2/kWh, 1 GW Nennleistung und 43% Wirkungsgrad bei „Volldampf“ macht 1 GWh Strom und 650t CO2 pro Stunde. Im Sparmodus (1/3 Last, 35% Wirkungsgrad) werden es nur noch 335 GWh Strom, aber auch nur noch 266t CO2. Das ist für dieses Kraftwerk jetzt pro kWh schlechter, das macht aber nichts – denn die anderen 2/3 kommen mit 0g CO2 von einer Windkraftanlage oder einer Photovoltaik. Dadurch summiert sich das ganze auf 266g CO2/kWh – 60% weniger!

Und die Sache wird sogar noch besser, denn als „Schattenkraftwerk“ eignet sich zur Not ein Steinkohle-Kraftwerk, besser aber ein Gaskraftwerk (inklusive Biogas und ähnlichem). Braunkohle (die bei Volldampf um 1kg CO2/kWh produziert) aber kann nur in 6-Stunden-Blöcken geregelt werden; viel zu viel, um dem Wetter zu folgen. Insofern führt alleine das „Risiko“, dass man den Strom nicht braucht zum Ersatz von Braunkohle-Kraftwerken durch etwas ökologisch besseres.

Die Aussage, dass man Unmengen neuer solcher Anlagen gebaut werden müssten, ist allerdings auch unsinnig – denn Wettervorhersagen mögen nicht immer haargenau treffen, sind aber genau genug, um mit dem vorhandenen Bestand an entsprechend regelbaren Kraftwerken auszukommen. Für die längerfristig vorhersagbaren Schwankungen wird dann an der Braunkohle gedreht oder auf die „kalte Reserve“ – Kraftwerke, die normalerweise gar nicht laufen – zurückgegriffen.

Entsprechend sieht die Stromproduktion inzwischen in Deutschland aus (Achtung, das ganze ist nur auf die derzeitige Jahreszeit bezogen; im Sommer hämmern die leidigen Klimaanlagen ordentlich Grundlast drauf!): Die Grundlast liegt zumeist bei etwa 30 GW (mit Schwankung von 20-40), welche von Kernkraft (konstant durch), Braunkohle (die wird tief in der Nacht und am Wochenende leicht runtergefahren) und den im Sparbetrieb laufenden Schattenkraftwerken geliefert wird. Da drüber haben wir etwa 5-15 GW Windkraftwerke und als Spitze die – nahezu perfekt der berühmten „Mittagsspitze“ folgenden – Solaranlagen. Die Schwankungen beim Wind scheinen dabei riesig, jedoch handelt es sich dabei nur um Schwankungen zwischen verschiedene Tagen. Innerhalb eines Tages liegen die Unterschiede mit selten mehr als 3 GW deutlich (!) unterhalb der über die Schattenkraftwerke mindestens abfederbaren 12 GW. Diese Zahl ergibt sich aus den jeweils höchsten Werten für Gas- und Steinkohle in diesem Jahr. Und 10 GW Pumpspeicher (eigentlich für extrem kurzfristige Schwankungen gedacht) gibt es zur Not auch noch.

Kommen wir nun zu Spekulationen…


Eine weitere Verdopplung der Windkraftanlagen mit vergleichbaren Standorten würde jetzt rechnerisch zu 10-30 GW und einer kurzzeitigen Schwankung um 6 GW bei dem Ertrag führen. Dies würde bedeuten, dass 5 GW konventioneller Grundlast-Anlagen vollständig überflüssig werden. Weitere 10 GW müssten zudem in Zukunft regelmäßig abgeschaltet werden. Dies lässt sich nicht alleine erreichen, indem man sämtliche Braunkohle-Anlagen auf Sparbetrieb herunterschaltet, sondern man wird einen Teil davon komplett durch mit dann höherer Auslastung laufender Steinkohle- oder Gaskraftwerke ersetzen müssen – oder man versenkt weitere der 10 GW Kernkraftwerke (die ob ihrer nahezu völligen Unregelbarkeit dann sowieso allmählich "im Weg" sind). In Summe würde dieses Szenario die eigentliche Grundlast auf 20 GW (mit Schwankung von 10-30) verringern – die Hälfte dessen, was es zum Beginn der Energiewende war. Am heutigen Sonntag waren wir mit 23 GW (gegenüber ~27 GW erneuerbarer) nicht weit von diesem Fall weg…

In diesem Szenario wären dann voraussichtlich noch 5 GW Kernkraft, 15 GW Braunkohle und 15 GW sonstiger Verbrennungs-Kraftwerke übrig. Letzteres (dank neuer Gaskraftwerke) vielleicht auch 20 GW, was dann voraussichtlich einige Braunkohle-Kraftwerke killt, welche zu unflexibel geworden sind. Ein noch weiterer Ausbau der Windkraftanlagen wird dann allerdings tatsächlich zu einem Problem führen – nämlich dass selbst wenn *alle* auf Verbrennung basierenden Kraftwerke im Sparbetrieb laufen, immer noch zu viel Strom produziert wird. Um dann nicht „Strom für's Klo“ zu produzieren, muss man weitere Kraftwerke haben, die sich komplett abschalten lassen. Hier kommen dann die Pumpspeicherkraftwerke zum Zuge (die nebenbei sogar Strom „fressen“ können, denn in Zukunft werden diese wohl nicht mehr Nachts, sondern bei Überschüssen gefüllt werden).

Ein weiterer Ausbau der Photovoltaik führt zu weniger gravierenden Änderungen, einzig wird die Grundlast öfters im "Nachtmodus" verweilen. Sonntags Mittags wird man dann wohl hin und wieder sogar Solaranlagen vom Netz kicken müssen, weil deren Strom *wirklich* keiner mehr braucht.

Dienstag, 31. Januar 2012

Die Angst vor dem Internet

Da trollt nun heute also ein kaum bekannter CDU-Politiker die Netzcommunity mit der Aussage, dass das ja alles nur Minderheiten und Zeiterscheinungen wären. Auf die Details seiner Aussagen will ich gar nicht näher eingehen, denn diese sind mir gar nicht wichtig.

Die viel interessantere Frage ist doch, warum jemand solches Geschreib ablässt. Viele vermuten hier Interessen der Content-Industrie; immerhin wurde ja in dem Text auch zu deren Verteidigung aufgerufen. Doch schon nicht wenige Kommentare gehen weiter und bescheinigen dem Autor eine allgemeine Angst vor neuem. Ich würde hier (und auch in vielen vielen anderen Fällen!) viel konkreter werden: Dieser Mensch hat Angst vor dem Internet! Nicht mehr und nicht weniger.

Ich meine damit keine Angst vor irgendwelchen Inhalten im Netz oder davor, wie das Netz irgendwelche Wirtschaftszweigen nützt oder schadet. Ich meine Angst vor der Struktur des Internets als solcher. Diese Angst ist in "bürgerlichen" Kreisen weit verbreitet – denn das Internet repräsentiert in einer vermutlich nie, zumindest aber in den letzten 2000 Jahren nicht dagewesenen Form das, wovor bürgerliche mit großem Abstand die meiste Angst haben: Die Anarchie.

Das Internet kommt dem Ideal der "Herrschaftslosen Gesellschaft" so nahe wie nichts anderes es je getan hat. Die ganzen ungeschriebenen Gesetze, die das reale Leben regulieren, existieren hier nicht. Ein "Recht des Stärkeren" gibt es nicht, denn es gibt keinen wirklich stärkeren – jeder, der minimale Anforderungen erfüllt, kann selbst zum Autor werden; wird dabei Leser finden und mit seinen Beiträgen die Meinungsbildung beeinflussen. Auch die in der Offline-Welt so ordnende Regulierung durch Angebot und Nachfrage verpufft – denn ein Blog verursacht dem Autor keine Kosten, die er durch eine Ausrichtung auf möglichst viele Leser decken müsste. Ja, oftmals wirken nicht einmal die niedergeschriebenen Gesetze, denn die hängen immer noch an den Grenzen, welche die reale Welt an allem Ecken und Enden durchziehen.

Diese Struktur führt nun dazu, dass man das Netz nicht kontrollieren kann. Das Netz macht, was es will, wie es will und wann es will. Schlimmer noch, es verhält sich oft genug nicht einmal berechenbar! Und hier nun setzt die Panik der Bürgerlichen ein – denn diese sind es gewohnt, dass alles in "geordneten Bahnen" verläuft. Also wird nun versucht, das Internet – so wie jede andere Technologie auch – so lange zu regulieren, bis es sich nicht mehr von schon bekannten Dingen unterscheidet. Dumm halt nur, dass dies beim Internet so gar nicht funktioniert…