Sonntag, 1. Mai 2011

Die Lüge vom "Selbstbestimmungsrecht der Völker"

Der Begriff "Selbstbestimmungsrecht der Völker" klingt doch toll, nicht? Als "Volk" bezeichnet man gemeinhin eine Gruppe mit einer gemeinsamen Sprache, gemeinsamen Kultur und gemeinsamen Abstammung. Geprägt wurde der Begriff ironischer Weise von einem englisch-stämmigen US-Präsidenten – wie soll dieser auch wissen, wie wenig umsetzbar diese Idee wirklich ist, wo er doch einen "Staat ohne Volk" repräsentiert? Gemeint hat er dann auch ein "Selbstbestimmungsrecht der Staaten" (an welches sich dann kaum jemand hält, aber das soll hier nicht Thema sein).

Und hier kommt das Problem: Die Staaten unserer Erde sind nicht aus den in ihnen lebenden Völkern entstanden. Dies mag in Europa und auf Inselstaaten einigermaßen zutreffen – doch anderswo sind Staaten fast immer das Ergebnis mehr oder weniger willkürlicher Grenzziehungen durch Kolonialmächte. In Nordamerika ist dies kein Problem, da man die Bevölkerung auch gleich mitbrachte: Die Ureinwohner wurden entweder assimiliert oder ausgerottet. In Südamerika blieb von den Ureinwohnern wesentlich mehr übrig, die Staaten dort funktionieren aber immerhin als eine Einheit – warum auch immer.

In Asien war "Britisch-Indien" die einzige bedeutende Kolonie und hatte die lokalen Strukturen aufrecht erhalten, die nach dem Rückzug der Briten auch einigermaßen erhalten wurden. Einzig sind Indien und Pakistan (und zu einem kleineren Teil auch Myanmar) eigentlich nicht ein Staat, sondern der Zusammenschluss vieler jeweils (ja, sogar so schlau waren die Briten!) kulturell ähnlicher Völker. Auch hier kollidieren die Grenzen aber schon immer mal wieder mit Siedlungsgebieten verschiedener Völker.

In Afrika sieht sie Sache weniger schön aus. Willkürlich gezogene Grenzen kreuz und quer durch ein von teilweise nomadisch, zumindest aber voneinander unabhängig lebenden Völkern besiedeltes Gebiet, die Installation von auf irgendwelchen meist eher kleinen Völkern basierenden Eliten konnte nur in einer Katastrophe enden. Und genau das ist herausgekommen. Kein einziger afrikanischer Staat südlich der Sahara besitzt etwas, was man auch nur ansatzweise als eine homogene Bevölkerung bezeichnen kann. Dafür sind die Regierungen meist mit Gewalt an die Macht gekommen, kümmern sich nur um ihr eigenes Wohl und sind bis an die Zähne bewaffnet. Hier und da stellt dann auch mal das "Regierungsvolk" des einen Staates das Mehrheitsvolk eines anderen Staates, was dann ein weiterer Grund für Kriege ist. Das Ergebnis ist bittere Armut und ständig an irgendeiner Stelle Gewalt.

Achja, und dann gibt es noch das absolute Highlight eines Vielvölkerstaates, bei dem es zwar an allem Ecken und Enden kracht, für die Zahl der Völker dann aber doch ruhig ist: Indonesien besteht aus über 300 (!) verschiedenen Völkern. Zusammen gehalten wird das ganze durch die Tatsache, dass eines dieser Völker zahlenmäßig dominiert. Die Freiheitsrechte der übrigen Völker kann man getrost als arg begrenzt bezeichnen. Drei seiner Inseln teilt sich Indonesien mit unabhängigen Staaten, welche einst britische bzw. portugiesische Kolonien waren, während das Kernland von den Niederländern besetzt war.