Sonntag, 20. März 2011

Realistische und absurde Strahlendosen

Im Zuge der Reaktorunglücke in Fukushima wabern die wildesten Zahlen über die ausgetretene oder austretende Strahlung durch die Medien. Ein Großteil der Messwerte lässt sich in der einen oder der anderen Richtung als "absurd" bezeichnen.

Es gibt zwei primäre Ursachen für absurde Werte in diesem Zusammenhang. Dies ist zum einen das Verständnis von Vorzeichen und zum anderen die Frage, wo ein Wert gemessen wurde.

Die Strahlung wird dort zumeist in "µSv/h", also "Millionstel Sievert pro Stunde" angegeben. Das die Vorzeichen "µ" (für Millionstel) und "m" für Tausendstel verwechselt werden, passiert auch in anderen Zusammenhängen regelmäßig und so auch hier. Entsprechend werden dann aus gemessenen "16000 µSv/h" in den Medien "16 Sv/h". Ich halte jede Zahl auch nur in der Nähe von 0,1 Sv/h, die irgendwo publiziert wird, pauschal für unsinnig – außer vielleicht innerhalb eines der Gebäude, aber genau aus diesem Grund weiß niemand, wie es da drin aussieht.

Das zweite Problem ist vor allem ein großer Verständnisfehler. Diese sehr hohen Werte (ja, 0,016 Sv/h *sind* sehr hoch!) wurden meist zwischen den Reaktorblöcken drei und vier gemessen; also nach allem, was wir wissen 10-20m Luftlinie von komplett offen liegenden abgebrannten Brennelementen entfernt. An dieser Stelle halten sich allenfalls Mitarbeiter des Kraftwerks für zwingend erforderliche Arbeiten auf – und dies sicherlich nicht länger als einige Minuten.

Ein weiterer oft zitierter Messpunkt ist das Werkstor. Dieses befindet sich etwa 1km westlich bis südwestlich der Reaktoren. Die Messwerte hier bewegen sich im einstelligen mSv/h-Bereich. Extreme Abweichungen (insbesondere ähnliche Zahlen mit anderen Vorzeichen) wären wieder als absurde Werte anzunehmen.

Eine (etwas zähe) Website hat einige Messwerte aus ganz Japan gesammelt. Hierbei bewegt man sich in der entsprechenden zumeist zwischen 100 und 200 nSv/h (=Milliardstel). Einige Ausreißer sind dabei jedoch auch im Bereich von 1µSv/h; Werte wirklich weit von der Anlage entfernt bei für mich erstaunlich niedrigen ~25 nSv/h.

Die Frage, was eine "harmlose" Dosis ist, lässt sich nicht direkt beantworten. Die Stärke einer radioaktiven Strahlung führt – solange sie nicht extrem stark ist – nur zu einem statistisch erhöhten Krebsrisiko. Ein solches Risiko lässt sich jedoch erst ab einer vergleichsweise sehr hohen Dosis von 100 mSv pro Jahr (also dauerhaft ~11 µSv/h) statistisch nachweisen. Darunter geht dies einfach zwischen üblichen statistischen Schwankungen unter und ist nicht mehr nachweisbar – es könnte eine weitere proportionale Abnahme sein; es könnte aber auch eine überproportionale sein, weil die Selbstheilung bessere Chancen hat.

Die Höhe der natürlichen Strahlung wird gemeinhin mit um die 2 mSv pro Jahr (=228 nSv/h) angegeben, dieser Wert schwankt aber sowohl regional wie auch zeitlich sehr stark. In der iranischen Stadt Ramsar etwa verursachen heiße Quellen im Schnitt 10 mSv pro Jahr mit Ausreißern bis zu 260 mSv/Jahr. Dazu kommt eine ganze Reihe zusätzlicher Belastungen, denen wir uns unbewusst (Steinhäuser, Bananen, Flugreisen) oder sogar bewusst (medizinische Behandlungen) aussetzen. Sicher ist, dass selbst ein Strahlenwert von deutlich über 1µSv/h keine Folgen hat, die sich nachweisen lassen – aber wie gesagt: Ein von 25 auf 25,05% erhöhtes Krebsrisiko ist zwar ein erhöhtes Risiko, nur eben nicht nachweisbar…

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