Samstag, 4. September 2010

Das Wikipedia-Prinzip der maximalen Aufregung

Vor einigen Tagen hatte ich eine mehr als bizarre Beobachtung auf der Löschseite der Wikipedia. Da stellte jemand etwa 20 Löschanträge zu diversen Artikeln über Brunnen. Genauer handelte es sich hierbei um jeweils eine Kurzerklärung des Motivs und darunter eine stichpunktartige, verlinkte Aufzählung solcher Artikel. Ein konkretes Beispiel hiervon ist der Artikel "Simsonbrunnen". Diese Artikel hatten seiner Meinung nach das Problem, fälschlich als Liste eingeordnet zu sein, obwohl es sich dabei um Begriffsklärungen handelt. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Statt dies aber einfach zu ändern, musste er eben Löschanträge stellen – nach 30 Minuten war der ganze Spuk durch die Mitarbeit einiger anderer Benutzer erledigt.

Eine andere aktuelle Löschdiskussion geht um den Artikel zum VW Passat B7. Dieses Auto wird so sicher wie das Amen in der Kirche am 2. Oktober 2010 vorgestellt werden; mit etwas Glück auch schon 1-2 Tage früher. Trotzdem gibt es jetzt eine Löschdiskussion mit "Glaskugel" (was soviel heißt wie "Zukunftsmusik"), wo auch noch diverse Benutzer für Löschen plädieren. Warum man jetzt einem Admin die Arbeit machen muss, den Artikel zu löschen und in 4 Wochen wiederherzustellen, wissen wohl die Löschbefürworter selbst nicht.

Ein anderes gängiges Problem dieser Art sind sogenannte Sperrprüfungen bei Benutzern, die wegen einer Verbalentgleisung oder eines Editwars für 30 Minuten gesperrt wurden. Da endet dann die Diskussion, ob die Sperre berechtigt war, mit dem Satz "Erledigt, da Sperre abgelaufen." – solche Diskussionen dauern sonst nicht selten mehrere Stunden. In der gleichen Zeit könnte der gesperrte Benutzer auch einfach einmal durchatmen, dann ist selbige schon fast abgelaufen.

Gar nicht anfangen möchte ich mit einer Unmenge an Löschanträgen mit der ausdrücklichen Absicht, dass der Artikel bitte überarbeitet werden würde.

Nach all solchen Diskussionen – es gibt auch Editwars und Sperrverfahren um Satzstellungen oder Rechtschreibung, Löschdiskussionen wegen Tippfehlern oder eine unendliche Zahl von Benutzern, die einen irgendwie gearteten Hinweis, dass ihrem gerade angelegten Artikel irgendetwas wichtiges fehlt, als Grund für eine mit Verbalentgleisungen durchsetzte Vandalismusmeldung sehen – komme ich immer mehr zu der Erkenntnis, dass es ein "geheimes Wikipedia-Prinzip" gibt. Dieses Prinzip nenne ich das "Wikipedia-Prinzip der maximalen Aufregung". Dieses Prinzip folgt dem Grundsatz, dass ein Problem, welches man klein und unauffällig schnell lösen könnte, ohne dass irgendein Benutzer sich deswegen angegriffen fühlen müsste oder es zu einer Diskussion (gar einer größeren) kommt, zwingend so lösen muss, dass eine große Zahl an bisher unbeteiligten Benutzern darin involviert wird, derjenige dessen Änderung unübersehbar als unfähig dargestellt wird und vor allem auch garantiert die Leser merken, dass der Amtsschimmel einmal mehr wiehert.

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