Freitag, 31. Juli 2009

Grusel-AKWs

In der Diskussion im Atomkraft in Deutschland geht leider eine aktuelle Meldung aus einen unserer Nachbarländer völlig unter, welche wohl selbst viele Atromkraftbefürworter zum Gruseln finden dürften. Dass das litauische AKW Ignalina nur haarscharf daran vorbeigeschrammt ist, durch ein Referendum (soviel zum Thema direkte Demokratie...) eine Laufzeitverlängerung zu bekommen, ist ja nichts neues - genauer hatten sich dort 89% bei dem Referendum für eine Verlängerung ausgesprochen, aber mit 48% hatten sich weniger als die Hälfte der Bevölkerung beteiligt, womit das ganze dann doch nicht greift. Im Ergebnis wird Reaktor (Typ RMBK-1500), der mit denen in Tschernobyl weitgehend baugleich ist, jedoch eine um 50% erhöhte Nennleistung hat, nun also doch schon Ende dieses Jahres und nicht erst 2015, wenn an gleicher Stelle ein moderner EPR steht, stillgelegt werden.

Nun kommt aber die nächste Grusel-Nachricht: In Mochovce, Slowakei werden zwei bereits 1985 begonnene und 1993 zunächst eingestellte Bauprojekte fortgesetzt, die Kraftwerke sollen jetzt 2013 ans Netz gehen. Man ahnt schon, modern wird das ganze nicht, und richtig: Der Reaktortyp ist ein WWER-440/213. Das ist nicht nur mit 440 MW einer der kleinsten Reaktortypen, die es in der EU noch gibt, es ist zudem der einzige mir bekannte, der über keinerlei Containment verfügt. Sprich: Der Reaktordruckbehälter steht ungeschützt im Maschinenhaus! Dies ist sicherheitstechnisch fatal und wirtschaftlich kaum besser: Jede kleinste Überprüfung erfordert eine komplette Abschaltung des Reaktors. Zu der Sicherheit hat die EU Kommission bereits am 15. Juli 2008 Stellung bezogen, worin das fehlende Containment kritisiert wird und eine entsprechende Nachrüstung empfohlen wird, um einen Schutz gegen den gezielten Absturz eines Kleinflugzeuges zu bieten (von größerem Reden wir erst gar nicht).

Besonders obskur ist dabei, dass für die Vollendung des Baus je nach Quelle mit Kosten in Höhe von 1,6 bis 2,78 Mrd. € gerechnet wird - zum Vergleich: Für den Bau eines EPR mit einer Nutzleistung von 1600 MW gegenüber hier 810 MW werden bei ungleich höheren Sicherheitsstandards 3,2 bis 5 Mrd € angesetzt. Eine Stromlücke gibt es in der Slowakei nach meinen Kenntnissen nicht und schon gar keine, die so schwerwiegend ist, dass man nicht stattdessen einen einzige EPR bauen könnte, der gleich alle vier Blöcke in Mochovce ersetzt (die Gesamtanlage hat nämlich die gleiche Leistung wie _ein_ EPR). Noch schöner wäre natürlich eine Investition in regenerative Energien; es würde mich arg wundern, wenn man mit den genannten Kosten und der vergleichsweise lachhaften benötigten Leistung hier nicht sogar zu weitaus besseren Ergebnissen käme.

Aufruf: Stromverbrauch von Routern

Als Beitrag zur Green IT möchte ich einmal den Stromverbrauch verschiedener DSL-Router hier sammeln, also bitte fleißig in den Kommentaren posten, die Werte werde ich dann in den Beitrag hier übertragen.

Einen ersten hab ich schonmal selbst:
T-Com Speedport W700V: WLAN aus 11,7W, WLAN an 12,3W.

Was Google so auswirft:
Teledat 431 LAN: 8W.
Draytek Vigor Router 2500WE: 13,5W.
..außerdem jede Menge Schätzungen, die einen nicht weiter bringen.

Der erste per IRC:
Linksys WRT54GL: 11,4W

Mittwoch, 29. Juli 2009

Warum "Abschreckung" als Verbrechensprevention nicht funktioniert

Oftmals wird ja gerade von Konservativen Parteien Abschreckung der Täter als Grund für drakonische Strafen genutzt und teilweise sogar als Hauptzweck von Strafen gesehen. Dies funktioniert aber nicht, da fast gar kein Krimineller eine Kosten-Nutzen-Berechnung durchführt, bevor er seine Tat begeht. Vielmehr geht diese Taktik oft genug nach hinten los.

Grundsätzlich gibt es 4 mögliche Gründe, warum jemand kriminell wird. Dies sind Unwissenheit, eine irgendwie geartete Not, Affekthandlungen und wirkliche Bereicherungsabsichten.

Der erste Fall ist der, wo die Gesetzgebung schlicht versagt hat. Kriminalität aus Unwissenheit deutet nahezu immer auf eine gesellschaftlich nicht anerkannte Gesetzgebung hin, in der irgendetwas verboten wurde, was gesellschaftlich gar nicht geächtet ist. Da schon die Strafbarkeit selbst unbekannt ist, ist es auch der Strafrahmen, also kann auch niemand durch irgendeinen Strafrahmen von der Tat abgehalten werden.

Viele, zunächst gerade kleiner Straftaten werden aus einer Not heraus begangen. Beispielsweise werden Dinge gestohlen, die lebensnotwendig sind, aber nicht legal erworben werden können. Im Regelfalle wird hier die gültige Rechtsnorm anerkannt, aber mit der eigenen Notsituation abgewogen. Gerade hier wirken sich aber drakonische Strafen negativ aus, etwa wenn die Täter gewalttätig werden, um ihre Haupttat zu vertuschen.

Einen sehr großen Teil von schweren Straftaten machen Affekthandlungen aus, in denen jemand in einer Stresssituation durchdreht. Diese Leute erkennen die gültigen Rechtsnormen sehr wohl an, sind aber kurzfristig nicht in der Lage, diese einzuhalten. Auch in diesem Falle wirken hohe Strafen tatverstärkend, wenn die Täter erneut durchdrehen, wenn sie dem Stress ausgesetzt sind, wie sie ihre Tat vertuschen können. Ein oft genanntes Beispiel sind Vergewaltiger, die ihre Opfer wesentlich eher umbringen, umso kleiner der Unterschied im Strafmaß zwischen Vergewaltigung und Mord ist.

Bleiben die eher wenigen Fälle, die tatsächlich bewusst gegen bestehende Gesetze verstoßen, ohne dass eine Notlage vorliegt, hier spricht man von "krimineller Energie". Diese Täter muss man wiederum in zwei Gruppen unterteilen: Jene, die die Rechtsnorm schlicht nicht anerkennen und jene, die ihren persönlichen Vorteil höher wiegen. Die ersten fühlen sich meist so sehr im Recht, dass sie schwerere Strafen nur zu einem "jetzt erst recht" ermuntern. Die letzteren wägen zumeist weniger zwischen Strafe und Beute ab, sondern vor allem zwischen der Aufklärungsrate und der Beute.

Aus diesem Grunde besteht für mich Verbrechensprävention aus drei Dingen: Verständlichen und anerkannten Rechtsnormen (es ist _nicht_ die Aufgabe des Staates, als moralische Instanz zu dienen; darin haben Politiker eh längst versagt!), der Verhinderung von Notsituationen (durch ernsthafte Sozialversicherung und Verzicht auf die Kriminalisierung von Süchtigen jeder Art [diese sind Opfer dritter, die es hingegen zu bekämpfen gilt!]) und durch eine wirksame, aber rechtsstaatlich abgesicherte (Merke: Was der Staat darf, wird sich so mancher für sich selbst auch herausnehmen!) Tätersuche.

Montag, 27. Juli 2009

UPDATE: Glühlampen-Fanatismus

Man hört es ja immer wieder: Energiesparlampen sind ja soo böse. Darum einmal ein paar Richtigstellungen hierzu. Auf die diversen esoterischen Äußerungen zu der "Lichtqualität" will ich hier nicht eingehen, sondern nur auf die umweltschutzrelevanten Fragen.

Das erste wäre die Energiebilanz. Dass man mit einer ESL massiv Strom sparen kann, ist unstrittig; im Falle einer 10W ESL zum Beispiel 50 kWh pro 1000 Stunden gegenüber einer 60W-Glühlampe bei gleicher Helligkeit. Nun kann ein Produkt grundsätzlich nicht mehr Produktionsenergie kosten, als es selbst kostet. Des weiteren ist Industriestrom alleine durch die Brennstoffkosten nirgendwo auf der Welt billiger als 10ct/kWh. Aus diesen beiden Punkten lässt sich für ESLs ein theoretisches Maximum von 50 kWh für die Produktioneenergie ermitteln (ergibt sich aus einem maximalen Kaufpreis von 5€ für normale Bauformen). Bereits nach diesen Zahlen ist nach 1000 Stunden die Energiebilanz einer ESL und einer Glühlampe identisch, danach (ESLs sollten mindestens 6000 Stunden halten, einige Modelle noch wesentlich mehr) spart die ESL dann immer Strom. Zur Erinnerung: 1000 Stunden sind etwa 1 1/2 Monate Dauerbetrieb oder knapp 3 Stunden pro Tag für ein Jahr. Tatsächlich muss man aus dem Kaufpreis aber auch noch Gewinne des Herstellers, dessen Lohnkosten und Steuern abziehen, die ja keine Energiekosten sind.

Die Energiekosten für die Entsorgung müssen bei einer ESL bereits im Kaufpreis enthalten sein, da die Hersteller diese Kosten übernehmen müssen.

Schadstoffe, insbesondere Quecksilber sind ein weiteres beliebtes Hetzthema. Hierbei darf in einer ESL maximal 5mg Quecksilber im Glaskolben enthalten sein (in der Praxis ist es weniger). Des weiteren wird aber bei der Stromproduktion in Kohlekraftwerken Quecksilber freigesetzt. Bereinigt mit dem deutschen Strommix sind dies 0,0147mg pro kWh (ohne eine Filterung der Kraftwerke wäre es übrigens noch mehr). In unserem obigen Beispiel also nach 1000 Stunden 0,735mg. Hier dauert es etwas länger, bis die Umweltbilanz besser ist, als bei der Glühlampe, es sind rund 6500 Stunden. Wird die ESL fachgerecht entsorgt, sind es jedoch 0 Stunden, denn deren Quecksilber lässt sich vollständig recyceln. Des weiteren gibt es inzwischen ESLs mit einem wesentlich geringeren Quecksilber-Gehalt. Philips bewirbt hier ein Modell mit 1,4mg, die Firma Megaman gibt einen Durchschnitt von "unter 2mg" für ihre gesamte Produktpalette an. Selbige Zahlen entsprechen dem durch Kohlestrom ausgestoßenen Quecksilber nach 2000-3000 Stunden. Übrigens wird das Quecksilber heute in Form eines Amalgams (wie man es aus Zahlfüllungen kennt) gebunden, wodurch das Gesundheitsrisiko nach unzähligen Studien bei 0 liegt, selbst wenn diese Substanz freigesetzt wird. Ein völliger Verzicht auf Quecksilber ist bisher leider noch nicht möglich.

Eine lokal erhöhte Quecksilberbelastung ergibt sich auch nur, wenn der Glaskolben einer ESL mit ungebundenem Quecksilber zerbricht (mir ehrlich gesagt noch nie passiert, einzig die Verbindung zwischen Glaskolben und Eletronik habe ich schon kaputt gekriegt). Gesetzlich wäre hier wünschenswert, sowohl diese Bindung vorzuschreiben wie auch den Quecksilbergehalt soweit zu reduzieren, wie dies der Stand der Technik heute erlaubt. So oder so ist jeder Nutzer einer ESL dazu aufgefordert, diese fachgerecht zu entsorgen (zumal, wenn die eigene Lampe diese Bedingungen nicht erfüllt), was bisher nur zu etwa 25% erfüllt wird.

Ein nicht so einfach zu erfassendes Problem ist der Abbau der Rohstoffe für die Herstellung von ESLs, also insbesondere Kupfer, Zinn und Aluminium, welcher teilweise Schadstoffe freisetzt. Eine genaue Erfassung hierzu gibt es bisher nicht.

Aussagen über radioaktive Stoffe generell in Leuchtstofflampen, also auch ESLs sind seit inzwischen fast 20 Jahren erledigt: seitdem sind derartige Lampen vom Markt verschwunden. Unsinnig sind Befürchtungen zu Elektromagnetischen Feldern. Derartige Felder sind in der Summe proportional zum Stromverbrauch und aus diesem Grunde bei einer ESL nur ~1/5 so hoch, wie bei einer Glühlampe. Der Einschaltstrom einer ESL entspricht übrigens für die ersten <0,1 Sekunden maximal dem, was eine normale Glühlampe dauerhaft benötigt; Aussagen, das man ESLs aus Verbrauchsgründen länger leuchten lassen sollte, sind also ausnahmslos falsch.

Kurz einmal zu anderen Punkten: Ein reales Problem vieler ESLs ist der Konflikt aus Lebensdauer und Einschaltzeit, hier gibt es aber bereits einige wenige (und teure) Exemplare, dieses Problem durch einen speziellen Aufbau (Stichwort "Elektrodenlos") komplett lösen. Auch schwankt die Einschaltzeit teilweise erheblich zwischen verschiedenen Modellen. Probleme mit Brummen oder Flimmern im Betrieb beziehen sich generell maximal noch auf extrem minderwertige Modelle.

Die Farbwiedergabe einer ESL ist - anders als bei einer Glühlampe - modellspezifisch. Es gibt hier verschiedenste Lichtfarben, wobei tendenziell die Auswahl mit steigendem Preis zunimmt. Relevante Werte sind 2700K (entsprechend einer Glühlampe), 4000K (Kaltweiß) und 7000K (Tageslichtweiß). Des weiteren gibt es Unterschiede dabei, wie gleichmäßig das Farbspektrum ist.

UPDATE

Inzwischen hab ich noch eine Studie der Firma Osram zur Energiebilanz von Leuchtmitteln gefunden. Kurzfassung: 25 Glühlampen benötigen für die Produktion etwa doppelt so viel Energie wie 2,5 ESLs oder eine LED-Lampe. Über die gesamte Lebensdauer von 25.000 Stunden ist hier von jeweils weniger als 2% der Gesamtenergie für die Produktion die Rede (rechnerisch wären das um die 100 kWh); also ein völlig bedeutungsloser Wert, wenn man die riesigen Unterschiede in der Nutzungsenergie vergleicht. Die Zahlen sind damit sogar noch etwas besser als meine obigen Berechnungen über den Kaufpreis - die energietische Amortisierung ist hiermit schon nach rund 650 Stunden erledigt.

Samstag, 25. Juli 2009

Die Panikgrippe

Die aktuelle Grippepandemie - soweit man diese überhaupt so nennen kann - ist schon ein eindrucksvolles Beispiel für gigantische Panikmache. Diese Erkrankung hat bisher weltweit (soweit man den Zahlen trauen kann) zu knapp 1000 Todesfällen geführt. Selbiges erscheint eine erschreckend hohe Zahl, solange man sie nicht mit den allgemeinen Grippetoten vergleicht: Dies sind alleine in Deutschland pro Jahr etwa 20.000. Rein statistisch (ich bin mir nicht sicher, ob es hier eine Gleichverteilung über das Jahr gibt) müsste es also in den drei Monaten, in denen das Thema durch die Medien geistert, bereits 5000 Todesfälle in Deutschland gegeben haben, ohne dass das Thema irgendwie medienrelevant wäre. Doch wie sieht es bei der "neuen Grippe" aus? Nun, es gab nicht ganz 3000 *Erkrankungen* und 0 Todesfälle. Genauer gesagt: In ganz Europa gab es 35 Todesfälle wegen der "neuen Grippe", die mit Abstand meisten davon übrigens in Großbritannien, dass die meisten Erkrankungen zu vermelden hat und für sein Gesundheitssystem bekannt ist (es wurde schon vor Jahren als "auf Dritte-Welt-Stand" bezeichnet). Übrigens in keinem noch so unterentwickelten Land kommen die Fallzahlen der auch nur in die Nähe der normalen Grippe: Es sterben mehr Menschen an der normalen, als an der neuen erkranken.

Doch nun haben die Panikmacher ein neues Potential entdeckt. Seit einigen Tagen wird in Deutschland nicht mehr kontrolliert, ob wirklich der neue Erreger vorliegt, ein Kontakt mit einer infizierten Person oder ein Aufenthalt in einem Risikogebiet genügt. Das das zu einer massiven Steigerung der Fallzahlen führt, ist wenig verwunderlich, oder? Bingo! Und was vermelden die Medien heute panisch (wobei sie eine Rückreisewelle aus dem Spanien-Urlaub als Grund nennen)? RICHTIG! Einen drastischen Anstieg der Fallzahlen. Um dem ganzen etwas mehr Feuer zu geben, werden jetzt Schnappsideen wie die Absage von Großveranstaltungen vorgeschlagen - oder ist das einfach nur das Sommerloch?

Dienstag, 21. Juli 2009

Produzent oder Konsument?

Ich selbst habe bisher gut und gerne 100 Wikipedia-Artikel geschrieben oder aus einem unbrauchbaren Zustand massiv überarbeitet (und insgesamt fast 30.000 Bearbeitungen vorgenommen). Bei Flickr sind bisher rund 50 Bilder gelandet, dieser Blog hat bald ähnlich viele Einträge. Dann wären da noch fast 20.000 Beiträge in Heise-Forum und einige zigtausende in unzähligen anderen Internetforen.

Und ich bin sicherlich bei weitem nicht einer der fleißigsten: Es gibt Wikipedia-Autoren mit weit über 100.000 Beiträgen, einer der fleißigsten hat gerade eine Liste seiner Bearbeitungen veröffentlicht und ähnlich fleißige Mitarbeiter besitzt nahezu jede Online-Community in durchaus beachtlicher Anzahl.

Sagen will ich mit dem ganzen Text, dass im Internet eigentlich fast jeder zumindest auch Produzent von Kulturgut ist. Und genau aus diesem Grunde sind die derzeitigen Versuche, Verwertungsrechte (um mal nicht das in diesem Kontext oft missverstandene Wort "Urheberrecht" zu benutzen) zu schützen maximal Protektionismus der Branche der Inhaltevermarkter.

Montag, 20. Juli 2009

Grenzen des Jugendschutzes

In Deutschland gibt es nur ein einziges Gesetz, welches zumindest an einigen Stellen dem Grundgesetz gleichrangig ist oder sogar über ihm steht, der Jugendschutz. Dies führt dann auch dazu, dass besonders viele, teilweise absurde Grundrechtseinschränkungen, die eigentlich versteckte "Sittengesetze" sind, mit dem Jugendschutz begründet werden. Aus diesem Grunde sollte man überlegen, wo sinnvoller Weise die Grenzen des Jugendschutzes liegen sollten.

  • Ein besonders großes Problem habe ich mir Gesetzen, die eine Altersverifikation vorschreiben (dies betrifft zum einen "Jugendschutzcodes" bei einigen Fernsehangeboten und zum anderen die gesetzliche Altersverifikation beim Zugriff auf einige Internetangebote). Diese Gesetze sind in meinen Augen weder verhältnismäßig noch sinnvoll. Die Verhältnismäßigkeit ist dann gestört, wenn die Internetsysteme ein bestimmtes Betriebssystem und bestimmte, kostenpflichtige Hardware vorschreiben. Hiermit werden nicht kommerzielle Angebote klar diskriminiert. Auch wenn in einem Haushalt ohne Minderjährige eine zeitgesteuerte Aufzeichnung von nicht jugendfreien Fernsehinhalten unmöglich ist, ist dies eine unnötige Einschränkung auf Kosten der Erwachsenen. Unwirksam sind derartige Lösungen sowieso: Keine technische Vorrichtung lässt sich nicht umgehen; im Falle des Internets genügt gar schlicht der Zugriff auf Inhalte aus anderen Ländern.
  • Überhaupt sollte die Wirksamkeit von Maßnahmen, die aktiv eine Nutzung durch Jugendliche verhindern sollen, hinterfragt werden. Die Kombination aus oft sehr guten technischen Kenntnissen und einem bekannten "Verboten macht interessant"-Effekt stellt für mich die Frage, ob man sich hier nicht vielmehr darauf konzentrieren sollte, dass Jugendlichen nicht versehentlich auf für die ungeeignete Inhalte stoßen können.
  • Des weiteren ist in meinem Verständnis die Erziehung immer noch die weitgehend alleinige Aufgabe der Eltern. Hierbei sollte es dann auch diesen obliegen, bestimmte Jugendschutzeinrichtungen deaktivieren zu dürfen und damit für ihre Kinder andere Wertmaßstäbe anzulegen, als dies Politiker für ideal erachten. Auch sollte aus diesem Grunde für die Eltern erkennbar sein, aus welchem Grund die Eignung eines Inhaltes angezweifelt wird. Ein "Dieser Film ist für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet" sagt nichts darüber aus, warum er es ist.
  • Unsere Gesellschaft unterliegt einem ständigen Wandel, dem sich auch der Jugendschutz zumindest nachträglich anpassen sollte. So ist Sexualität heute selbst für 14-jährige weitaus normaler als vor 40 Jahren für einen 21-jährigen (damalige Grenze zur Volljährigkeit!). Ähnliches gilt für die finanzielle Unabhängigkeit. Allen Unkenrufen zum Trotz sind heutige Jugendliche weitaus mehr in der Pflicht, zumindest einen Teil notwendiger Ausgaben von ihrem Taschengeld zu bestreiten. Hieran sollte sich dann auch der Jugendschutz orientieren.
  • In den letzten Jahren ist eine Entwicklung zu beobachten, dass Jugendschutz nach dem Prinzip "bis man 18 ist, darf man nichts; danach wird man ins kalte Wasser gestoßen" umgebaut wird. Dies ist insofern eine gefährliche Entwicklung, als dass Jugendliche so keine Erfahrung durch abgestufte Verbote mehr machen können, sondern spätestens mit 16 anfangen, reihenweise Einschränkungen zu umgehen, was sich dann nach der Volljährigkeit nicht selten in anderen Gesetzen fortsetzt.
  • Grundsätzlich halte ich es für äußerst problematisch, wenn eine Jugendschutzvorschrift zu einem "Erwachsenenschutz" wird und Erwachsenen die Nutzung von Angeboten verboten oder schwerwiegend eingeschränkt wird. Ob der Tatsache, dass es in Deutschland (aus gutem Grunde) faktisch keine "Sittengesetze" mehr gibt, derartige Vorstöße jedoch oftmals auf einem christlich-konservativen Umfeld kommen, steht zu befürchten, dass hier eine Wiedereinführung von Sittengesetzen durch die Hintertür beabsichtigt ist, welche unbedingt begrenzt werden sollte.
Aus all diesem Punkten folgern für mich vor allem zwei Forderungen. Zum einen sollten sämtliche Jugendschutzregelungen, die sich auf Rundfunk und ähnliche Einrichtungen beziehen, von einer nicht abschaltbaren technischen Nutzungssperre auf eine Kennzeichnungspflicht, in Extremfällen in Verbindung mit einem Werbeverbot reduziert werden. Hierbei ist eine Abwägung aus dem zu erwartenden Mindestalter der Nutzer und den zu erwartenden Folgen auf diese vorzunehmen. Ein Beispiel wäre Werbung auf den internen Seiten von StudiVZ/meinVZ, die eh keine Anmeldung durch Minderjährige zulassen. Andersherum ist bei teilweise auch durch Kleinkinder genutzten Fernsehgeräten durchaus beispielsweise eine Filterung der Senderlister bis zu einer Freischaltung über einen Code sinnvoll.