Freitag, 18. April 2008

Gottlos und stolz darauf

Derzeit wird mal wieder überall darüber diskutiert, ob Religion irgendwie wichtig, toll oder sonst etwas sei. Darum möchte ich auch einmal meine Meinung dazu schreiben. Ich selbst bezeichne mich als Agnostiker, also jemand, der weiß, dass wir nie wissen werden, ob es einen Gott gibt; für den das aber eigentlich auch egal ist. Es gibt nichts, was hinreichend klar darauf hindeutet; also gehe ich davon aus, dass es wohl keinen gibt. Wer einen brauchbaren Existenznachweis findet, bitte, her damit.

Zum Glück hat die Gesellschaft zumindest in Europa (in den USA klappt das ja leider nicht so ganz) seit der zeit der Aufklärung verstanden, dass die Kirche nicht die Wissenschaft bestimmt. Es ist also weitgehend Konsens, dass die Schöpfungsgeschichte eben nur eine Geschichte und nicht die Spur historisch korrekt ist. Es ist vielmehr eine symbolische Darstellung, wie man sich die Entstehung der Welt vor 2500 Jahren (so alt ist der Text etwa) vorstellte. Die Erkenntnis, dass die Erde nicht flach und nicht der Mittelpunkt des Universums ist, hat sich dagegen dank Beobachtungen wohl weltweit restlos durchgesetzt; andere derartige Aussagen der Bibel spielten sowieso nie eine nennenswerte Rolle.

Doch noch immer wird die Kirche von vielen als moralische Instanz angesehen, auch wenn die Ächtung von vor- und außerehelicher Sexualität, Scheidung und Verhütung (wie immer die katholische Kirche [übrigens als einzige Weltreligion!] dieses auch immer begründet) in der europäischen Gesellschaft praktisch keine Rolle mehr spielt. Bei Homosexualität sieht dies schon anders aus, hier gehen die Meinungen in der Gesellschaft noch immer auseinander - wobei die Gegner meist nur magere Argumente haben. Abtreibung ist dagegen sowieso ein heißes Eisen, wobei das pauschale und ausnahmslose Verbot der katholischen Kirche (selbst im Falle von Vergewaltigungen ist eine Abtreibung die schwerere Sünde!) wohl dann doch kaum bis keinen Rückhalt hat. An das Thema Polygamie hat man sich im Europa bisher kaum rangewagt - auch hier ist die Position der Kirche (diesmal über alle in Europa vorkommenden Konvessionen hinweg) einheitlich dagegen. Außerhalb der Sexualität kollidieren christliche Positionen nur selten mit der Gesellschaft, was aber nicht zuletzt auch daran liegt, dass Äußerungen zu anderen Themen selten sind - auf die Ächtung kriegerischer Auseinandersetzungen, wie sie der Papst just heute vor dem UN-Sicherheitsrat geäußert hat, hat man ja nun gewiss kein Exklusivrecht. Zur Themen wie Todesstrafe (was ja nun gerade in den USA ein aktuelles Thema wäre), Umweltschutz (ebenso) oder soziale Sicherheit (überall ein Thema) kommt dagegen wenig bis gar nichts. Daneben gibt es einzig noch eine (ablehnende) Haltung zur Embryonenforschung (zum Rest der Gentechnik kommt dagegen nichts).

Insofern hat sich die Kirche als Forderer für die Änderung moralischer Regeln längst überlebt - diese Position haben heute Nicht-Regierungs-Organisationen wie Amnesty International oder Umweltschutzorganisationen übernommen. Selbige Organisationen dürften sogar erfolgreicher sein... Insofern ist die Aussage, dass es einer Religion bedarf, um irgendwelche moralischen Regeln zu haben, zu bezweifeln.

Für mich selbst ist der oberste Grundsatz "Man kann alles tun, solange es keinem anderen schadet." Dabei ist schaden direkt gemeint, also nicht irgendein abstruses "wenn ich dicke Menschen sehe, wird mir übel; also schaden die mir". Für Sexualität folgt daraus, dass die Freiwilligkeit aller Beteiligten die einzige (!) Beschränkung ist. Wer es dabei wie und wo mit wem treibt, ist mir dabei _vollkommen_ egal. Und wenn er das draußen machen will - bitte. Man muss ja nicht hingucken (wobei, vielleicht lohnt der Anblick ja sogar...). Der gleiche Grundsatz auf das Thema "Beleidigungen" angewendet bedeutet, dass Beleidigungen nicht unter Strafe stehen sollten; ganz im Gegensatz zu Verleumdung - DA soll nämlich jemandem geschadet werden (leider meist auch mit Erfolg). Umweltschutz halte ich für das wichtigste Problem des 21. Jahrhunderts, nicht zuletzt, weil hier der wohl größte Nachholbedarf besteht. Was das ganze praktisch bedeutet, will ich aber in einen eigenen Beitrag auslagern.

Insofern: Nein, ich brauche keinen Gott, der mir sagt, was gut und was böse ist. Den braucht man imho nur, wenn man sonst keine Argumente hat - allerdings ist "willst du da das Opfer sein?" eigentlich das beste Argument...

Kommentare:

my name hat gesagt…

Hier ein paar Gegendarstellunge, ich hoffe, TheK, du verzeihst mir das:

>Es ist also weitgehend Konsens, dass
>die Schöpfungsgeschichte eben nur eine
>Geschichte und nicht die Spur
>historisch korrekt ist.

Ich störe mich hier an dem "nicht die Spur". Die Schöpfungsgeschichte widerspricht in der Römisch-Katholischen Exegese nicht der Evolution an sich, nur der Evolution mit dem Wort "Zufall". Und es ist erstens ganz schwer vorzustellen, dass das, was wir heute in der Welt sehen, durch Zufall entstanden ist, und zweitens stimmt die Reihe der Schöpfungen ziemlich genau mit dem überein, was die Evolutionstheorie besagt – eine Tatsache, die gerne übersehen wird.

Darüber hinaus wird in der Bibel nie von einer flachen Erde oder dem Mittelpunkt des Universums geredet, genauso wie – bis auf evangelikale Christen – niemand die Bibel als wortwörtlich zu verstehen nimmt. Das ist übrigens ein sehr großer Unterschied zum Islam und dem Koran; dieser entstammt nämlich nach dem Glauben der Muslime direkt von Gott, und ist nicht – wie bei der Bibel – durch Gott inspiriert. Es geht sogar noch weiter, man kann nämlich die Stellung des Korans im Islam gut mit der Stellung von Jesus Christus im Christentum vergleichen, da beide die Realpräsenz Gottes darstellen. Daher wird es auch für Muslime als verständlicherweise schwere Sünde angesehen, den Koran in irgendeiner Form unwürdig zu behandeln.


>Doch noch immer wird die Kirche von
>vielen als moralische Instanz
>angesehen, auch wenn die Ächtung von
>vor- und außerehelicher Sexualität,
>Scheidung und Verhütung (wie immer die
>katholische Kirche [übrigens als
>einzige Weltreligion!] dieses auch
>immer begründet) in der europäischen
>Gesellschaft praktisch keine Rolle
>mehr spielt.

Ich weiß nicht, ob dir bewusst ist, warum die Römisch-Katholische Kirche diesen Dinge ablehnt. Hier tritt auch ein großes Missverständnis auf, dass die der Durchschnittsbürger die Katholische Kirche nur als Regelkirche in Erinnerung hat.

1. Sexualität: Die Römisch-Katholische Kirche ist gegen außereheliche Sexualität, da sie die Familie als ein sehr hohes Gut und Keimzelle der Gesellschaft ansieht. Außereheliche Sexualität bedeutet, dass der Wert der Familie zerfällt. Es ist jedoch unbestritten, dass niemand Scheidung oder Kinderarmut will; genau wegen dieser beiden Faktoren haben wir heute auch gesellschaftliche Probleme.

2. Verhütung – Verhütung setzt ebenfalls den Wert von Kindern herab und reduziert Sexualität zur Selbstbefriedung, zu einem egoistischen Akt. Und auch gesellschaftlich ist Verhütung kontraproduktiv, da ein Sozialstaat nur funktionieren kann, wenn die durchschnittliche Familie 2,0 Kinder bekommt.

3. Gesellschaften können irren. In den 30er Jahren dachte die Gesellschaft in Europa, dass Faschismus ein Weg sei, Probleme zu lösen, nur ein Beispiel.

>Bei Homosexualität sieht dies schon
>anders aus, hier gehen die Meinungen
>in der Gesellschaft noch immer
>auseinander - wobei die Gegner meist
>nur magere Argumente haben.

Die Meinung der Römisch-Katholischen Kirche ist, dass Homosexualität eine tief verwurzelte Eigenschaft ist und dadurch zu tolerieren sei. Allerdings ist die Auffassung der Römisch-Katholischen Kirche auch, dass "Familie" bedeutet, das sie die Keimzelle für neues Leben ist. Leider kann aus homosexuellen Partnerschaften kein Leben hervorgehen. Somit muss Ihnen aus Sicht der Kirche auch der Familienstatus bewährt bleiben, da die Definition nicht erfüllt wird.

>Abtreibung ist dagegen sowieso ein
>heißes Eisen, wobei das pauschale und
>ausnahmslose Verbot der katholischen
>Kirche (selbst im Falle von
>Vergewaltigungen ist eine Abtreibung
>die schwerere Sünde!) wohl dann doch
>kaum bis keinen Rückhalt hat.

Leben ist nach der Meinung der Römisch-Katholischen Kirche unendlich viel wert. Es ist hierbei nicht die Schuld des Babys, ein Baby zu sein. Es ist dadurch auch nicht auf das Baby zurückzuführen, dass es durch eine Vergewaltigung entstanden ist. Das Töten von unschuldigen Leben jedoch wird in der Römisch-Katholischen Kirche als Mord angesehen. Und als kleines Detail: Es gibt eine Ausnahme: Wenn das Leben der Mutter bedroht ist, kann im Einzelfall abgetrieben werden.

>Zur Themen wie Todesstrafe (was ja nun
>gerade in den USA ein aktuelles Thema
>wäre), Umweltschutz (ebenso) oder
>soziale Sicherheit (überall ein Thema)
>kommt dagegen wenig bis gar nichts.

Die Haltung der Römisch-Katholischen Kirche in diesen Aspekten ist eindeutig: Sie lehnt die Todesstrafe wie Sozialdarwinistischen Kapitalismus in den meisten Fällen ab, und unterstützt Umweltschutz. Zumindest die Todesstrafe wurde in Form der Menschenrechte und auch die Bedeutung des Umweltschutzes wurden prominent in der UN-Rede genannnt.

>Daneben gibt es einzig noch eine
>(ablehnende) Haltung zur
>Embryonenforschung (zum Rest der
>Gentechnik kommt dagegen nichts).

Die Ablehnung der embryonalen Stammzellenforschung hat den selben Grund wie die Abtreibung: Leben ist unendlich heilig und darf nicht verletzt werden. Die Kirche unterstützt aber die Forschung von adulten Stammzellen, die sowieso viel zukunftsversprechender ist. Gentechnik-Forschung hingegen lehnt sie ab, da sie hier eine Verletzung dessen sieht, zu was der Mensch berechtigt ist.

>Insofern hat sich die Kirche als
>Forderer für die Änderung moralischer
>Regeln längst überlebt - diese
>Position haben heute Nicht-Regierungs-
>Organisationen wie Amnesty
>International oder
>Umweltschutzorganisationen übernommen.
>Selbige Organisationen dürften sogar
>erfolgreicher sein...

Dies sind alles Interessensgruppen, keine Ideologien. Und ich habe bisher keinen Präsidenten von Interessensgruppen mit ähnlich großem Einfluss gesehen, wie es der Papst hat.

TheK hat gesagt…

Wenn die Kirche die Todesstrafe ablehnt, wo ist dann eine öffentlichwirksame scharfe Verurteilung der Anwendung dieser durch die USA (als einzigen bedeutenden christlich geprägtem Land!)?

Dass eine Ächtung von außerehelichem Sex weder in der Menschheitsgeschichte noch sonst irgendwo in der Natur zuverlässig funktioniert hat, ist erwiesen, in den USA gibt es Studien, wonach die "Enthaltungsprogramme" schlichtweg wirkungslos sind, maximal schieben sie das ganze einige Monate auf; leider funktioniert die Ächtung von Verhütung umso besser - mit all ihren katastrophalen Folgen für die AIDS-Rate und die Überbevölkerung (nicht nur) in weiten Teilen Afrikas.

Leider hat die Familie - oder besser die Reproduktion - für die Kirche einen so hohen Wert, dass sie die seelischen Folgen von Vergewaltigungen und ehelicher Gewalt dabei ebenso wie die vorgenannten Probleme völlig ignoriert.

Und dass Umweltschutz-Organisationen in Europa weitaus mehr Erfolg haben, als die katholische Sexualmoral, ist wohl unumstritten.

my name hat gesagt…

>Wenn die Kirche die Todesstrafe
>ablehnt, wo ist dann eine
>öffentlichwirksame scharfe
>Verurteilung der Anwendung dieser
>durch die USA (als einzigen
>bedeutenden christlich geprägtem >Land!)?

Der jetzige Papst ist nicht dafür bekannt, Details zu kritisieren, er richtet sich auf das größere Bild. Inwiefern amerikanische Kardinäle die Todesstrafe (nicht) kritisieren, weiß ich nicht.

>Dass eine Ächtung von außerehelichem
>Sex weder in der Menschheitsgeschichte
>noch sonst irgendwo in der Natur
>zuverlässig funktioniert hat, ist
>erwiesen

Im Römisch-Katholischen Verständnis ist die Menschheit etwas besonders, etwas, das sich von der Natur abhebt. Somit kannst du nicht die Natur als Grundlage nehmen. In der Natur gibt es auch das Gesetz des Sozialdarwinismus, nicht die der Goldenen Regel.

>leider funktioniert die Ächtung von
>Verhütung umso besser - mit all ihren
>katastrophalen Folgen für die AIDS-
>Rate und die Überbevölkerung (nicht
>nur) in weiten Teilen Afrikas.

Wenn die Afrikaner nach den Regeln der Katholischen Kirche leben würden, gäbe es das AIDS-Problem von heute nicht.

>Leider hat die Familie - oder besser
>die Reproduktion - für die Kirche
>einen so hohen Wert, dass sie die
>seelischen Folgen von Vergewaltigungen
>und ehelicher Gewalt dabei ebenso wie
>die vorgenannten Probleme völlig
>ignoriert.

Die Kirche sieht die Familie nicht als Reproduktionsfabrik an, sondern Kinder als Geschenk Gottes, die abzulehnen sündhaft ist. Vergewaltigungen und eheliche Gewalt verstoßen ebenso vollkommen gegen die Katholische Lehre.

>Und dass Umweltschutz-Organisationen
>in Europa weitaus mehr Erfolg haben,
>als die katholische Sexualmoral, ist
>wohl unumstritten.

Umwelt-Organisationen kümmern sich aber auch nur um die Umwelt, nicht um die gesamten Aspekte des Lebens. Hierbei unterscheiden sie sich elementar von der Katholischen Kirche.

TheK hat gesagt…

>Wenn die Afrikaner nach den Regeln der Katholischen Kirche leben würden, gäbe es das AIDS-Problem von heute nicht.

Dennoch ist das Wettern gegen Verhütung fast lauter, als jenes gegen vorehelichen Geschlechtsverkehr.

>Umwelt-Organisationen kümmern sich aber auch nur um die Umwelt, nicht um die gesamten Aspekte des Lebens. Hierbei unterscheiden sie sich elementar von der Katholischen Kirche.

In der Theorie vielleicht. In der Praxis bemerkt man die katholische Kirche eben nur im Bereich Sexualmoral.