Samstag, 9. Februar 2008

Demokratietrolle

Demokratie ist zurecht die Form politischer Betätigung, die heute in den meisten Ländern zumindest von der Bevölkerung (nicht unbedingt immer von den oberen) favorisiert wird, keine Frage. Abr eine Demokratie braucht bestimmte Eigenschaften, um zu funktionieren: ein definiertes "Volk", in dem sich "one man, one vote" umsetzen lässt und eine gewisse Mindestbeteiligung.

Und genau hier liegen die Probleme, die die sogenannten Demokratietrolle - eigentlich ein fürchterliches Wort - in Wikipedia nicht wahr haben wollen. In Wikipedia gilt ein Meinungsbild (eine Art Abstimmungen) als besonders intensiv beachtet, wenn sich insgesamt mehr als ~200 Accounts an diesem beteiligen. Doch im Vergleich zu den eigentlichen Accountzahlen ist dieser Wert lächerlich: jeden Monat schreiben rund 8000 (!) Accounts mehr als 5 Beiträge, rund 1000 sogar mehr als 200 Beiträge. Insgesamt gibt es mehr als eine halbe Million registierter Benutzeraccounts. Wir reden als je nach Referenzwert von 20, 2,5 oder 0,04% aller Benutzeraccounts. Das nächste Problem wird schon daraus deutlich, dass ich hier von Accounts, nicht von Benutzern rede: Niemand weiß, wie viele Personen sich wirklich hinter diesen Accounts verbergen - auch wenn (um dieses Problem etwas abzumildern) Accounts mit weniger als 2 Monaten Mitgliedschaft und weniger als 200 Beiträgen nicht stimmberechtigt sind, ist es dennoch kein wirkliches Problem, sich einen ganzen Zoo von stimmberechtigten Accounts zu züchten. In Verbindung mit dem ersten Problem wäre es also durchaus möglich, dass eine einzige Person ein entscheidendes Gewicht in einer Abstimmung hat, obgleich diese eigentlich eine Randgruppenmeinung vertritt.

Kurzum: eine Demokratie kann in einem dermaßen offenen System nicht funktionieren. Dass es dennoch Meinungsbilder gibt, hat den Grund, dass man Meinungen zu einem Thema sammeln will; darum sind diese auch nicht bindend. Bei Adminwahlen ist es wohl eher ein Mangel an Alternativen, der zu dem aktuellen Modell geführt hat. Die dort eingeforderte 2/3-Mehrheit ist eh nur theoretischer Natur: die meisten Kandidaten werden mit überragender Mehrheit durchgewunken.

Oft wird daneben behauptet, Wikipedia wird von den Admins kontrolliert. Dazu ist erst einmal anzumerken, dass von den 500 aktivsten Benutzern fast die Hälfte Admins sind - und andersherum nahezu alle Admins in den 1000 aktivsten Benutzern zu finden sind. Insofern kann man genauso sagen, dass Wikipedia von den aktivsten Benutzern kontrolliert wird - was ja nun mehr als naheliegend ist. Daneben sind diese Admins aber auch alles andere als eine homogene Gruppe - eher ein wilder Haufen, der schon Probleme hat, sich gegenseitig dazu zu bekehren, doch bitte einander anzusprechen, bevor man die Aktion eines anderen rückgängig macht (das ganze hat bis heute nicht geklappt). Sicherlich vertrauen sich die Admins und sonstigen Stammbenutzer untereinander eher, als einem komplett neuen Benutzer; allerdings gibt es zwischen diesen ebenso Misstrauen und sogar offene Feindschaften, wie sonst überall. Eines sollte aber klar sein: einem jedem Admin wurde schon einmal durch eine Gruppe anderer Benutzer das Vertrauen ausgesprochen. Insofern sollte in Fällen, wo man mit den Entscheidungen eines Admins nicht einverstanden ist, eher nach einer besseren Begründung gefragt werden, als gleich persönliche Interessen oder "Unterdrückung der Wahrheit" zu vermuten - vor allem, wo diese doch in Wikipedia gar nicht gefragt ist.

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